Monika und Martina Plura: Über das Filmgeschäft – und über ihre Oma

Monika und Martina Plura

In ihren beim Deutschen Generationenfilmpreis [ehem.: Video der Generationen] prämierten Filmen setzten sich die Zwillingsschwestern Monika und Martina Plura auf ungewöhnliche Weise mit dem Alter und dem Älterwerden auseinander. Nicht selten bezogen sie dabei die ganze Familie mit ein. Ein guter Grund, mit Blick auf das Wettbewerbsthema von 2014 - „Familien-Bilder“ - die Filmemacherinnen nach ihren persönlichen Erfahrungen und Tipps zu befragen.

Filme der Plura-Schwestern: Vogel ohne Flügel, Die kleine Oma, Schlagkräftige 1,47, Ingeborgs 83. – Wie Omas den Kiez unsicher machen (Making Of)

 

„Die Oma gehörte immer zu unseren größten Fans“

Filmstill Die kleine Oma

Ihre Filme waren Familien-Filme der besonderen Art. Wie haben Sie damit angefangen?

Mit 11 Jahren, im Rahmen eines 3-tägigen Videoworkshops für Mädchen, angeboten vom Kinder- und Jugendbüro unserer Heimatstadt Neuwied, sind wir das erste Mal mit Film in Kontakt gekommen. Hier lernten wir die technischen Basics. Über den Offenen Kanal konnten wir uns eine Kamera ausleihen. Nur das Thema Schauspieler war, besonders zu Beginn, ein großes Fragezeichen für uns. Wir kannten keine Schauspieler in Neuwied und wussten damals auch nicht, dass man Schauspieler einfach so anfragen kann. Also mussten Freunde und die Familie herhalten. Auf unsere Familie ist Verlass. Sie hat uns immer unterstützt, auch wenn sie so gar nichts mit dem Filmemachen zu tun hat.

Drehs mit der Familie haben immer eine riesige Freude gemacht. Dabei mussten die Familienmitglieder nicht nur als Schauspieler herhalten, sondern wurden von uns auch hinter der Kamera eingespannt.

Fast täglich sahen die Abende von uns so aus, dass wir in unserem Zimmer auf dem Boden lagen, Filmsoundtracks hörten und uns Filmideen überlegten. Unser Vater hatte seinen ersten Filmauftritt bei uns als Zombie. Der erste Familienfilm, in dem die komplette Familie zu sehen ist, war „Oma Gretchen“. Er handelt von Oma Gretchen, die täglich für ihre Enkelin kocht. Jedoch ist die Enkelin an diesem Tag nicht die einzige, die bei Oma Gretchen zu Besuch ist. Überraschend kommen immer mehr Personen, über den Rest der Familie bis hin zur Nachbarin. Oma Gretchen gerät in Panik, damit hat sie nicht gerechnet, und die Kirschen reichen nicht für alle Personen. Kurzerhand packt sie sämtliche Früchte, die sie finden kann dazu. Brombeeren, Himbeeren, Erdbeeren... Kritisch beäugen die hungrigen Mäuler Oma Gretchens Werk. Und sieh an – es schmeckt! Und so erfand Oma Gretchen die rote Grütze...

Wie entstand die Idee, einen Film über die eigene Oma zu machen?

Unsere Oma gehört zu den wichtigsten Personen in unserem Leben. Wir lebten zusammen mit ihr und unseren Eltern unter einem Dach und es gab keinen Tag, an dem wir nicht „unten“ bei unserer Omi waren. Sie hatte immer die tollsten Erzählungen auf Lager und schon damals dachten wir, wir müssen ihre Geschichten und diesen Menschen festhalten, nicht, dass es irgendwann zu spät ist. So entstanden „Vogel ohne Flügel“ und die Dokumentation „Die kleine Oma“ (weil unsere Oma kleiner als unsere „große“ Oma ist, nannten wir sie immer „die kleine Oma“). Leider verstarb sie diesen Sommer im hohen Alter von 93 Jahren.

Wie war die Arbeit mit der eigenen Oma?

Eigentlich war es unser Ziel, unsere Oma zu den Oskars zu bringen. Die Arbeit mit ihr kann man nicht so leicht in Worte fassen. Unsere Oma gehörte immer zu unseren größten Fans. Sie glaubte ganz fest an uns und betonte oft, dass sie gerne Schauspielerin geworden wäre, dass das aber in der damaligen Zeit unmöglich gewesen sei. Vielleicht war das der Grund, warum sie uns so unterstütze, unserem Traum zu folgen. Die Arbeit mit ihr hat immer eine Riesenfreude gemacht. Sie war wesentlich unkomplizierter als manch ein Schauspieler. Lediglich ihre Demenz, die mit zunehmendem Alter schlimmer wurde, erforderte viel Feingefühl, Zeit und Geduld. Während wir „Schlagkräftige 1,47m“ drehten, einen Kurzfilm, indem unsere Omi eine Drogendealerin spielt, war die Demenz schon sehr ausgereift und so konnte sich Oma keine Sätze mehr merken. Daher mussten wir uns andere Strategien ausdenken, um unsere gewünschten Sätze von ihr zu bekommen.

Mag Ihre Oma die Filme?

Unsere Omi liebte unsere Filme. Wenn sie einen Film sah, lachte sie mit und sprach sogar ihre Sätze vorm Fernseher mit. Das Strahlen, das Omi dann in den Augen hatte, bedeutete uns mehr als jeder Festivalpreis.

Hat sich durch die Filme etwas in Ihrer Familie verändert?

Durch das Filmemachen ist unsere Familie extrem zusammengewachsen. Es ist toll, wenn man aus dem Nichts etwas kreieren kann. Man hat ein gemeinsames Werk geschaffen, auf das jedes Familienmitglied stolz sein kann. Jedes Jahr an Weihnachten werden die Filme geguckt. Außerdem kann unsere Familie unsere Arbeit als Filmemacher dadurch besser nachvollziehen. Weil wir früher am liebsten Horrorfilme gemacht haben, hat unsere Mama sogar einmal zwei Drehbücher geschrieben, mit den Worten „damit ihr einmal etwas Schönes dreht“.

Was hat Sie besonders berührt?

Unsere Eltern haben uns nie einen Stein in den Weg gelegt! Es gibt genügend Eltern, die den Kindern sagen „Mach bitte etwas Vernünftiges“ und die dadurch die Träume ihrer Kinder zerstören. Gleiches gilt für unsere Oma, sie hat uns immer motiviert, unserer Passion zu folgen. Unser Vater hat uns zum Geburtstag sogar einen selbstgebauten Dolly geschenkt. Man muss dazu sagen, dass Monika ihn monatelang mit Anleitungen und Fotos von professionellen Kamerawagen bombardiert hat. Der Dolly ist ebenfalls ein Familienwerk. Oma hat zugeschaut, Mama hat den wasserfesten Sitz genäht, der Nachbar „Plurafilm“ eingefräst, und Papa hat sich um den Rest gekümmert.

Zwei Jahre später folgte die nächste Überraschung, ein selbstgebauter Kamerakran. Das Herzstück des Krans besteht aus einer ausklappbaren Aluleiter von Aldi, deren Sprossen Papa abgesägt hat. Den Antrieb besorgt die alte Batterie unseres VW-Busses und als Stativ dient ein umgebauter Sonnenschirmhalter. Lediglich der Remote Head stammt aus Amerika, da die Einzelteile im Modelleisenbahnladen zusammen dann doch teurer gewesen wären.

Woran arbeiten Sie aktuell und welche Pläne gibt es?

Aktuell, 2013,  studieren wir im letzten Jahr an der Hamburg Media School. Monika macht hier ihren Master in Kamera, Martina in Regie. Parallel entwickeln wir einen Stoff für unseren Debütfilm, den wir gerne gemeinsam realisieren würden. Im Sommer haben wir unseren ersten gemeinsamen Film auf 35mm gedreht, „Ketten der Liebe“, eine schwarze Schwarzweiß-Komödie. Im Herbst dieses Jahres hat Martina eine „Coming of Age“ Geschichte über zwei Teenager auf einem Tierfriedhof inszeniert und Monika hat ein Familiendrama auf einem Bauernhof gedreht. Außerdem sind wir noch in der Postproduktion unseres 80-minütigen Dokumentarfilms „Cuba Libre“, der von der Undergroundmusikszene in Kuba handelt und den wir letztes Jahr in Havanna gedreht haben.

Wie ist die Zusammenarbeit mit der eigenen (Zwillings-)Schwester?

Die Zusammenarbeit mit der eigenen Schwester ist Gold wert. Die Filmbranche ist kein leichtes Pflaster, es herrscht viel Leistungsdruck auf einem, und manchmal muss man aufpassen, dass man seine eigene Vision und den eigenen Traum nicht aus den Augen verliert. Zweifelt man mal an sich selbst, hat man immer jemandem, der einem diese Zweifel wieder austreiben kann. Wir vertrauen uns blind, motivieren uns gegenseitig und sind immer für den anderen da. Zwar arbeiten wir auch mit anderen Filmemachern zusammen, aber keine Arbeit macht so viel Freude wie mit der eigenen Schwester.

Welchen Tipp haben Sie für die Teilnehmenden beim Jahresthema „Familien-Bilder“?

Habt keine Angst! Sprecht miteinander und nutzt das Thema als Chance, mehr über eure eigene Familie zu erfahren. Habt keine Vorurteile. Wer weiß, vielleicht schlummern ungeahnte Schauspieltalente in eurer Familie oder ihr erfahrt spannende Familiengeheimnisse, denen ihr sonst nie auf die Spur gekommen wärt.

(Das Gespräch mit Martina und Monika Plura führte Sarah Kuschel)

 

Weitere Infos

Einblicke und ein Interview mit Monika und Martina Plura, in dem die beiden über ihre Arbeit erzählen, finden Sie im Archiv des Wettbewerbs sowie weitere Informationen auf der Homepage von Plurafilm.

 

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